Abgelegt unter: Markenführung, Markenstrategie, Werbekampagnen | Tags: Alexander Hirschbold, Büro für Markenentwicklung, Discount, Gíbt´s doch gar nicht, H&M, Kultureller Code, Markenbausteine, Markenführung, Markenstrategie, Massimo Dutti, Möbelmarkt, Neupositionierung, Prospektwerbung, Roller, Trading-up, Zara
In der aktuellen Ausgabe des Magazins Möbelmarkt kündigte Möbel Roller-Geschäftsführer Dr. Alexander Hirschbold die Neupositionierung der Marke durch einen neuartigen Katalogauftritts an. Auf 52 Seiten und in einer Auflage von 5 Millionen Exemplaren soll der Katalog zeigen, dass billig nicht billig wirken muss. Aus dem Interview (vgl. Discount - in besserem Licht; Möbelmarkt; Ausgabe 10; 10/2008; S. 16):
Dr. Alexander Hirschbold: “Wir verfolgen den Discount-Ansatz stringenter denn je. Jedoch glauben wir, dass billig nicht mehr hässlich sein muss. Mit unserem Katalog haben wir unsere normale Discount-Ware in besseres Licht gestellt. Somit kann nicht von einem Trading-up gesprochen werden. Roller bleibt Discounter. Andere machen es vor: H&M, Zara, Mango oder Massimo Dutti bieten günstige Ware mit guter Qualität in wohlgestalteten Shops an.”
Unter markensoziologischer Perspektive beschreitet die sehr erfolgreiche Marke Roller einen sehr risikoreichen Weg. Warum? Aus der Kommunikationstheorie ist bekannt, dass Menschen Realien nutzen, um übergreifende Urteile zu fällen. Ein Beispiel: Aus einem klappernden Handschuhfach in einem Fahrzeug, leitet der Mensch das übergreifende Urteil ab: Dieses Auto ist qualitativ minderwertig. Weil kein Mensch Experte in allen Bereichen ist, sind wir gezwungen aus Details übergreifende Urteile, also Orientierungen abzuleiten - ansonsten ist das Verstehen der komplexen Alltagswelt nicht möglich.
Für den Fall Roller stellt uns dieses Kommunikationsgrundgesetz vor folgende Schwierigkeit: Wenn billig zu schön in Szene gesetzt wird, dann arbeitet Roller gegen tradierte Erfahrungswerte …jeder weiß, dass billig auch immer bedeutet, dass etwas reduziert, zweckorientiert und gestalterisch spröde angeboten wird. Für einen Discounter wie ALDI oder Penny-Markt ist es existentiell wichtig, die Waren in aufgerissenen Kartons zu präsentieren …das mag man persönlich unästhetisch finden…für die Wahrnehmung der Marke als “billig” ist dies entscheidend, denn es wirkt als eine Art “kultureller Code”, der uns zu verstehen gibt, dass hier kein Geld für Staffierungen verschenkt wird …
Zara, H&M oder Massimo Dutti werden in diesem Interview als “Discounter” bezeichnet. Das mag faktisch der Fall sein. Würde man allerdings die Marken in ihrem historischen Werdegang analysieren, dann käme zu Tage, dass diese Unternehmen vor allem ihr “modischer/trendiger/zeitgemässer” Auftritt charakterisiert …der Preis ist ein “Markenbaustein” von vielen. Die Marke Roller mag zahlreiche positive Markenbausteine in ihrer Geschichte gepflegt haben …ein “trendiger” Auftritt gehört - von außen betrachtet - nicht dazu. Was folgt daraus?
Über einen zu “schönen” Auftritt läuft Roller Gefahr die positiven Vorurteile ggü. der Marke (u.a. “Preiswerte Möbel”) zu irritieren …Menschen haben keine Zeit, sich eingehend mit einer Marke zu beschäftigen. Sie müssen in Sekundenbruchteilen ein Urteil fällen …ein wertiger Katalog trägt nicht dazu bei, das mühsam aufgebaute (und wertschöpfungsgarantierende) Urteil “Roller = billig” zu fundamentieren. Hier wird - ohne Not - mit aufgebauter Markenenergie gespielt …
Ein weiteres Problem: Es ist immer wieder zu beobachten, dass man glaubt, vorhandene kollektive Urteile über Werbekampagnen “umpolen” zu können …das ist ein hoher Anspruch, denn es gibt innerhalb der Kommunikation nichts stabileres als Vorurteile. Sie zu ändern, daran scheitern ganze Gesellschaften seit Jahrhunderten. Im Fall Roller ist dies sogar segensreich, denn es wird hoher Anstrengungen bedurfen, das eingefahrene Bild aufzulösen. Albert Einstein formulierte in diesem Sinn: “Ein Vorurteil ist schwerer zu spalten als ein Atom.”
Es bleibt zu hoffen, dass die bemerkenswerte Marke Roller, sich auf ihre Stärken besinnt und diese zeitgemäß in der Kommunikation zu befeuern versucht.


