Abgelegt unter: Markenführung, Markenstrategie, Selbstähnliche Markenführung | Tags: airberlin, Airlines, Büro für Markenentwicklung, Detailarbeit, Fluggesellschaft, Handschuhe, Jette Joop, Markendifferenzierung, Markenentwicklung, Markenführung, Markensoziologie, Markentechnik, Playboy, Schokoladen-Herz, Stewardess, Uniform, Verdrängungsmärkte
Nur zu oft wird der Bereich der Markenführung mit überragenden Kreativleistungen, hohen Werbeetats sowie trendigen Designs in Verbindung gebracht. Bei genauer Betrachtung fällt allerdings auf, dass exzellente Markenführung zumeist auf gekonntem Handwerk beruht. Markenführungsentscheidungen wurden nicht einer abgekoppelten Marketingabteilung samt angeschlossener Werbeagentur übertragen, sondern blieben stets Zugriffsfeld der Top-Management-Ebene. Werte wie Konsequenz und Kontinuität bilden dabei Schlüsselelemente sämtlicher Handlungen, die niemals auch nur das kleinste Detail aus den Augen lassen. Markensoziologisch muss stets von der Prämisse ausgegangen werden: Erfolgreiche Markenführung bedeutet die Liebe zum Detail.
Was das konkret bedeutet, demonstriert die deutsche Fluglinie “airberlin” sehr erfolgreich. Jahrelang gingen Fluggesellschaften davon aus, dass in umkämpften Märkten Markendifferenzierung fast ausschließlich über ambitionierte Werbekampagnen (zumeist mit hüpfenden Erwachsenen) oder Sitzabstand-Unterschiede (im Millimeterbereich) möglich sei. Der Marke “airberlin” dagegen ist es gelungen, sich über mehrere Details prägnant und positiv von der Konkurrenz abzuheben. Besonders sicht- und erfahrbar sind folgende Elemente:
- - Die Handschuhe der Flugbegleiterinnen
- - Der kleine (süße oder salzige) Snack zum Getränk
- - Das Schokoladen-Herz zum Abschied
- - Und schließlich: Die aktuelle “Playboy”-Ausgabe im Magazin-Trolley
Quelle: airberlin
Die Handschuhe:
Seit Juni 2007 trägt das Cockpit- und Kabinenpersonal (sowie das Bodenpersonal) der “airberlin” eine von Jette Joop entworfene Kollektion im sog. Retro-Look. Bei der Entwicklung stellte die Funktionalität der Uniform den zentralen Ausgangspunkt dar - schließlich ist eine Uniform besonderen Anforderungen ausgesetzt und muss sich den Bewegungsabläufen perfekt anpassen und dennoch “gut” aussehen. Die Uniform erhält ihre besondere Prägnanz allerdings durch ein Detail: Die roten Handschuhe, die ausschließlich die Damen bei der Begrüßung und Verabschiedung der Gäste tragen. Markensoziologisch entscheidend ist, dass dieser Blickfang weltweit einzigartig ist und auf kollektive Empfindungswerte zurückgreift: Modische Lederhandschuhe gelten bis heute als ein Zeichen von Eleganz und Stilsicherheit.
Der kleine (süße oder salzige) Snack zum Getränk:
Die Beschaffungskosten werden marginal sein, die Wirkung umso größer: Der Fluggast von “airberlin” bekommt zum obligatorischen Getränk bspw. einen Keks oder einige Nüsse gereicht. Kein Mensch wird auf einem Flug von München nach Hamburg verhungern, die Geste eines “Snackangebotes” ist allerdings für die Gesamtwahrnehmung enorm (zumal die Konkurrenz - heutzutage - auf dieser Strecke keinen Snack anbietet) und verpolt die Marke als aufmerksamkeitsstark.
Das Schokoladen-Herz zum Abschied:
Auch bei diesem Detail ist zu vermuten, dass die Kosten einen Bruchteil von dem eines TV-Werbespots betragen … die Wirkung ist allerdings enorm: Zum Abschied wird den Gästen immer ein Schokoladen-Herz gereicht. Das häufig gehörte “Ach, Du bist mit “airberlin” geflogen?” zeigt, wieviel Resonanz die kleine Geste hat und wie die Marke mit dieser süßen Aufmerksamkeit verpolt wird.
Die aktuelle “Playboy”-Ausgabe im Magazin-Trolley:
Gegriffen wird das Magazin eigentlich nur, wenn die Flugbegleiterin gerade nicht hinschaut … die aktuelle Ausgabe des “Playboy” … und dennoch: Jeder erzählt sich davon …
Was ist all diesen Kleinigkeiten gemeinsam? Sie sind äußerst konkret; sie sind erzählbar.
Kein üblicher Fluggast in der Lage, die faktische Flugleistung (Flugsicherkeit, Know-how der Piloten, Baujahr des Flugzeuges&Ausstattung) zu bewerten, das einzige was bewertbar ist, sind u.a. die aufgeführten Details. In ihrer Gesamtkomposition bedingen sie die Vorstellung einer “serviceorientierten” Airline.
Fazit:
Diese heutzutage als “Storytelling” bezeichnete Markenführungs-Strategie ist äußerst erfolgreich, weil abstrakte Markenwerte in konkrete und griffige Sachverhalte überführt werden. Die Inhalte werden kontinuierlich und zeitgemäß gepflegt und in Umlauf gebracht. Erst auf diese Weise entstehen klare Vorstellungswelten (sog. Images bzw. Markenwerte). Das zeigt sich u.a. in der Lebenswirklichkeit: So wird in einem Gespräch über die Vorzüge bestimmter “airlines” zumeist nicht der Claim des Werbeauftritts thematisiert, sondern vielmehr kleine Sachverhalte (”Die Stewardess war aufmerksam.”/”Die Frauen trugen sogar Handschuhe”/”Der Flug war pünktlich”). Sie bedingen die Wahrnehmung der Marke als Gesamtheit.
Die Beherrschung dieses “Konkret=Abstrakt-Erfolgsprinzips” ist “airberlin” mit präziser Detailarbeit hervorragend gelungen.
4 Kommentare bisher
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Ich verstehe nicht was das mit Airberlin zu tun hat. Playboy, Snacks und Schokoherz sind doch von der deutschen BA übernommen worden.
Ausserdem finde ich die Handschuhe total unwichtig und überflüssig. Man hätte sich lieber auf bessere Uniformen für die Herren einigen sollen. Männliche Kabinenarbeiter fliegen im Polohemd durch die Gegend und sind kaum von Passagieren zu unterscheiden.
Auch die Uniformen der Damen finde ich nicht überragend.
TuiFly, BlueWings oder Lufthansa, diese Airlines haben zumindest bessere Outfits für ihr Personal.
Beim Markenimage der Airberlin fällt mir zu dem immer nur MallorcaShuttle ein, ganz ehrlich, ich wüsste nicht das Airberlin auch nicht Urlaubsziele anbietet, wenn ich nicht so oft fliegen würde.
Die letzte Werbung der Airberlin im TV war mehr als bedauerlich und nur von kurzer Dauer.
Aber auch andere Airlines überzeugen mich mit ihrem Werbeauftritt kaum…
Wo ist die DeltaAirlines mit ihren fliegenden Delphinen???
Meiner Meinung nach müsste man “Fliegen” wieder zu einem Ereignis machen, woran man sich gerne zurückerinnert. Dann würde man auch wieder mehr Geld für Flugreisen ausgeben und diese 29Euro Touristik hätte ein Ende.
Elmar. B aus Düsseldorf
Kommentar von Elmar B. am 05.02.2009 um 00:29Die Air Berlin macht doch nix neu.
Hat die DBA alles eingeführt.
Die Mädchen in der Kabine sind zwar hübsch, oft aber völlig oberflächlich im Service und in der Ansprache.
Auf den Playboy kan man verzichten, die “Tittenberge” entsprechen wohl eher dem altbackenen Augenzwinkern rheinischer Karnevalisten!
Handschuhe find ich ganz witzig, wenn sie sauber sind und den Lakei nicht herauskehren.
Alles in allem nix neues und vie Ehr für Schnee von Gestern.
Gewinn wird glaube ich ab 75% Auslastung erwirtschaftet. Ob das so klappt?
Schwierige Angelegenheit.
Die sogenannte Story-Vermarktung ist nach wie vor das aktuellste Produkt, welches praktikabel den Kundenverhalten gegenüber ist. Die angesprochenen Bilder (Herz, Playboy, Hanschue etc.) die dem Kunden angeboten werden sind dabei wichtige kommunikative Eckpunkte.
Wichtig ist zu verstehen, dass die Story-Vermarktung bei Air Berlin leider nicht mit dem Vertriebs-Marketing auftritt. Kurzfristige Verkaufstreiber in der Werbung verfälschen die Gesamtkommunikation der gewählten “Story”.
AB schreibt sich als Preis-Leistungs-Airline aus, nicht als reiner Low-Cost-Betreiber. Für diese Aussage ist die gewählte Story wichtig.
Der Ansatz fehlt jedoch in der Gesamtkommunikation der Dachmarke. Air Berlin sollte Trendansätze anderer Branchen nutzen um das Spezielle ihrer Fluglinie herauszuarbeiten. Vor allem Fashion & Lifestyle dienen heutzutage einer Kundenidentifikation.
Zusätzlich muss sich die Gruppe mit ihrem international wenig ansprechenden Namen einem weiteren sehr großen Problem stellen. Dem Kunden fehlt die Kongruenz zu Berlin. Vor allem Flügen die ihre Destination nicht in Berlin finden sollten “berlinisiert” werden. Und das mit dem ganz besonderen Trend der Stadt. Weltpolitik könnte hier das große Stichwort sein “Ich bin ein Berliner!” (JFK) könnte eine westlich geprägte internationale Aussage in der Air Berlin Philosophie werden. Was dieser Ausspruch heute bedeutet sind die Details, welche in der Storyline verarbeitet werden müssen.
Die Kommunikation muss demzufolge sehr viel emotionaler werden und von rationalen Gadgets lediglich untermalt sein!
Kommentar von Logo am 18.03.2010 um 03:31Einen Kommentar hinterlassen


alles richtig. und natürlich spricht man bei airberlin nur über die schoko-herzen und die playboy-ausgabe, denn in der kommunikation wird seit jahren ein konsequenter eierkurs gefahren. von johannes b. kerner, über pseudo-authentische motive mit sinnentleerten aussagen, bis hin zu motiven mit der allseits bekannten flugbegleiterin.
Kommentar von Bero am 04.02.2009 um 16:52den airberlin-case dann aber als tolles beispiel für markenführung darzustellen ist m.e. vermessen, denn zur markenführung gehören nicht nur die nüsse, sondern mindestens genauso die liebe zum detail im werblichen auftritt.