Sesamstrasse: Selbstähnlichkeit bei „Ernie und Bert“

Vor einigen Tagen meldeten die Presseagenturen, dass „Ernie und Bert“ aus der Sesamstrasse eine eigene, auf das deutsche Publikum zugeschnittene, Wohnung erhalten. Bisher wurden die „Ernie und Bert“-Episoden von der amerikanischen Produktion übernommen. Studio Hamburg veröffentlichte folgende Pressemitteilung:

HAMBURG. Ernie und Bert ziehen nach Hamburg. Für den Dreh von 39 neuen Folgen der TV-Kinderserie „Sesamstraße“  bekommen die beiden Kultfiguren bis Anfang September erstmals eine Wohnung in der deutschen Kulisse – sogar mit Balkon, wie eine Sprecherin des NDR am Montag mitteilte.

Bislang seien die Clips mit Ernie und Bert in den USA gedreht worden. Nun wohnten sie in der  Nachbarschaft unter anderem von Rumpel aus der Mülltonne, Samson oder den schrägen „Puppen-Adoptiveltern“ Annette Frier und Nils Julius.“


Quelle: Sesamstrasse, Deutschland

Aus dem markensoziologischen Blickwinkel handelt es sich bei der „Sesamstrasse“ um ein zutiefst selbstähnliches System, dass seinen weltweiten Siegeszug (1969 erstmals in den USA ausgestrahlt – heute wird die Sendung in 120 Nationen gesendet) der Wahrung einer übergreifenden Gestaltsstruktur verdankt. Unter Selbstähnlichkeit versteht die Markensoziologie – ausgehend von dem Chaosforscher Gerd Binning – die Entfaltung und Variation eines Systems in den Grenzen seiner Gestalt. Für die Kinderserie bedeutet dies: Ausgehend von der Ursprungsidee und den wichtigsten Figuren hat sich die Marke „Sesamstrasse“ in einem definierten Korridor … 

– den stilistischen Veränderungen angepasst (die Mode bzw. Farbgebung der Figuren wurde seit 1969 nicht identisch reproduziert, sondern dem modischen Empfinden angepasst),

– den thematischen Schwerpunkten seiner Zeit immer wieder geöffnet (aktuelle technische und soziale Entwicklungen werden berücksichtigt, so führte z.B. die Aktion „Healthy Habits for Life“ dazu, dass das Krümelmonster Diät machen musste),

– regionale und länderspezifische Unterschiede aufgegriffen und für jede Kultur spezifisch, aber massengängig interpretiert.

Die Kernbesetzung. Quelle: Sesame Street, USA

Gerade der letzte Punkt ist für die markensoziologische Forschung interessant: Seit 1972 haben sich insg. 33 verschiedene „Sesamstraßen“ in der ganzen Welt entwickelt. Von Mexiko (Plaza Sesamo, ab 1972), über Israel (Rechov Sumsum, ab 1983) bis zur Jalan Sesama (Indonesien, ab 2007) – um nur einen kurzen Überblick zu geben. Dabei bildeten die zentralen Figuren und Episoden mit „Ernie und Bert“, dem „Krümelmonster“ oder „Graf Zahl“ stets den roten Faden der Sendungen. In einem bestimmten Rahmen entstanden aber auch länderspezifische Figuren, Bühnenbilder und thematische Schwerpunktsetzungen. In Deutschland kennen wir die kulturell-spezifische Besetzung durch „Samson“, „Tiffy“ oder „Herrn von Bödefeld„.

Quelle: Takalani Sesame, Süd-Afrika

Die wohl bekannteste „Nationalfigur“ stellt die südafrikanische Sesam-Puppe „Kami“ dar, die 2003 zum „UNICEFs Champion for Children“ ernannt wurde. Bei „Kami“ handelt es sich um einen Seriencharakter, der HIV-positiv ist und damit eines der gravierendsten Probleme der südafrikanischen Gesellschaft kind-, aber gleichfalls sesamstrassengerecht aufgreift.

Nahezu jedes „Sesamstrassen-Land“ nutzt kulturell durchgesetzte Gestaltungen, Benennungen oder Farbgebungen. So kennzeichnet die indische Version der Sesamstrasse („Gali Gali Sim Sim“) eine sehr farbenfrohe Version des „Ur-Bibos“ – ganz im Sinne der indischen Geschmacksvorstellungen.

 Quelle: Wikipedia

In Norwegen spielt die „Sesam Stasjon“ auf einer kunterbunten Bahnstation – landestypisch bei Schnee und mit einem „Samson“, der „Max Mekker“ heißt.

Quelle: Wikipedia

Die Wahrung und Pflege eines selbstähnlichen Musters ist für ein Markensystem – und dabei handelt es sich bei der „Sesamstrasse“ als kollektiv aufgeladener Resonanzraum (ganz nebenbei beträgt das jährliche Umsatz der Serie einige Millionen Dollar) – entscheidend, will es sich über kulturelle Grenzen und generationsübergreifend ausdehnen.

Das Grundprinzip der Selbstähnlichkeit läßt sich unter den Schlagworten „Wiederholung und Variation“ zusammenfassen. In seinem Buch „Markensoziologie“ schreibt Alexander Deichsel:

Marken, insofern sie ihr – sinnlich wahrnehmbares – Erfolgsmuster wiederholen, sind also normativ. Sie bewahren auch bei Neuerungen das, was dem Publikum das Wiedererkennen der vertrauten, unverwechselbaren Gestalt ermöglicht. […] Aber Marken dürfen sich nicht nur wiederholen. Durch [eine] schöpferische Elastizität sichern sie ihr Überleben. Anpassung ist weder in der physischen noch in der kulturellen Natur passives Reagieren, sondern in beiden Lebenszusammenhängen ein aus Eigenkräften gespeistes aktives Weiterformen der je einmaligen Leistungsmöglichkeiten.“
(Deichsel, Alexander: Markensoziologie; 2004; S. 117)

Jeder starke Marke verdankt ihre Ausdehnungsfähigkeit stets der Orientierung an einer selbstähnlichen Struktur. Das jeweilig beste Verhältnis zwischen Wiederholung und Variation zu definieren, gehört zu den Königsdisziplinen der Markenführung. „Ernie und Bert“ werden deutsch, der Markensoziologe ist gespannt …

Nachtrag:

Der obige Beitrag wird bereits 2008 geschrieben … die Sesamstrasse besteht immer noch und greift weiterhin zeitgenössische Themen und Fragestellungen auf und interpretiert sie kindergerecht. In einer Zeit, die dem stetigen Wandel unterworfen ist, demonstriert die Marke Sesamstrasse, dass starke Marken sich dem Zeitgeist anpassen können, aber sich selbst treu bleiben – in diesem Fall seit 1969.

Was genau man genau unter „sich treu bleiben“ im Sinne der Markenführung versteht, wird in folgendem Text definiert (Auszug aus „Markenkraft im Mittelstand“ von Arnd Zschiesche/Oliver Errichiello): „Die Durchsetzung von Selbstähnlichkeit erzielt weit mehr als einen erhöhten Widererkennungswert für das Unternehmen – denn die Anziehungskraft der Marke wird strukturell übergreifend gestärkt: Die stärkste Magnetwirkung und Faszination geht von sozialen Systemen aus, die eine stilistische Einheit ausstrahlen. Eine Gruppe von Personen, welche nach außen ein harmonisches Bild abgibt und geschlossen auftritt, erweckt instinktiv mehr Vertrauen als eine Gruppe, die kein einheitliches Bild in der Öffentlichkeit abgibt. Wenn führende Mitglieder der Regierungspartei innerhalb weniger Tage völlig unterschiedliche politische Standpunkte in die Mikrofone verkünden, so ist Verwirrung die Folge – außerhalb und innerhalb der Partei. Das Individuum ist konditioniert auf Dinge „aus einem Guss“, nur diese sorgen für Vertrauen. Speziell in einer mit Reizen und Signalen überladenen Welt sind nur eindeutige Signalstrukturen erfolgreich.

Den inneren Wunsch des Menschen nach Einheit nutzen starke Marken: Je eindeutiger ihre Aussage, umso nachhaltiger ist der Eindruck, den sie hinterlässt. Dabei bedeutet Stil eben nicht nur die Wahrung von typischen Gestaltungsmerkmalen, sondern möglichst vieler „typischer“ Eigenschaften.

Jede Marke kann ihren einmaligen Stil nach außen tragen und ihre Geschlossenheit darstellen – unabhängig von wirtschaftlicher Relevanz und Mitarbeiterzahl. Die Kundschaft muss „ihre“ Marke in jeder Lebensäußerung unmittelbar erkennen können: Das erfordert von der Unternehmensseite Sinn für Details und den geschickten Einsatz der typischen Eigenschaften. An erster Stelle steht daher die Kenntnis der eigenen Erfolgsgrundlagen.“

 

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