Die Marke finkid

Für den Markensoziologen ist Herkunft eine wichtige Möglichkeit, sich als Marke zu differenzieren. Die jeweilige Herkunft kann genutzt werden, um Vorurteile über das Herkunftsland für die Stärkung der eigenen Produkte einzusetzen: Als die Firma Saab aus dem schwedischen Trollhättan noch aufsehenerregende Autos für Architekten und Ingenieure baute, war die Marke u.a. „auf langen Strecken zu Hause“, Bilder der unendlichen Weite Skandinaviens stützten diese Aussage in den Werbeanzeigen unmissverständlich – jedem ist klar, dass ein Auto aus Schweden/Skandinavien lange Strecken erfolgreich bewältigen muss. So wie jeder Japaner und Amerikaner die German-Autobahn kennt und es in seiner Vorstellung fest verankert ist, dass all Germans auf diesen Pisten den ganzen Tag mit durchschnittlich 304 km/h pro Stunde fahren, um mit German-Pünktlichkeit auf die Sekunde den nächsten Termin zu erreichen – die Fahrzeuge von Audi, BMW, Porsche und Mercedes „performen“ also den ganzen Tag am Limit. Was kann sich der Geschäftsmann auf den verstopften 5-Etagen-Straßen Tokios oder Los Angeles mehr wünschen als diese Omnipotenz des eigenen Untersatzes? Alle diese Marken sind – zwangsläufig – an ihre Herkunft angekoppelt.

Wir kehren in den hohen Norden zurück: Finnland ist vor allen Dingen kalt (deswegen die Sauna), besitzt ein vorbildliches Schulsystem (PISA!) und Birken. Es gibt dort außerdem viele Seen, sowie im Sommer „on top“ extrem viele Mücken (böse Zungen behaupten, dass auch der Alkohol eine wichtige Rolle spielt/Vgl. z.B.: Finlandia Wodka). Wer also über so eine Kältekompetenz verfügt, argumentiert der Markentechniker, der hat zwangsläufig eine Kompetenz bezüglich des Schutzes vor Kälte: Das dachte sich auch Annika Rendel, als sie anfing, unter dem Namen Finkid, Outdoor-Kinderbekleidung zu zeichnen und ihre niedlich-flauschigen Jäckchen, Höschen und Mützchen mit Namen wie „Lempi„, „Mauri“ oder „Sami“ zu versehen. Immerhin ist Rendels Mutter Finnin, aber hier wird das – Marketing-anglophil gerne als „foreign branding“ verhunzte – Anzapfen von Herkunft auf einen neuen Gipfel getrieben: Bei Finkid findet selbst auf der Schleife des Anrufbeantworters noch ein Finnisch-Sprachkurs statt und die skandinavischen Größenangaben werden plakativ in deutsche Maße übersetzt (Da kann die italienische Marke Napapijri ihre Norwegenflagge getrost einholen): Erfolgreiche Markenarbeit ist immer Detailarbeit. Aber diese Details sind sehr weit hergeholt.

Eine Frage bewegt den Spielplatz: Wo liegt jetzt dieses Finnland?

Mit Erfolg: Tonttu, Tuuli und Pakkanen sind von deutschen Edelstadtteil-Spielplätzen zwischen München-Schwabing und Hamburg-Eppendorf nicht mehr wegzudenken. Während sich die Eltern in ihre Northface- oder Jack Wolfskin-Jacken kuscheln (Nachtrag: Ab 2013/2014 Canadian Goose/Moncler), beobachten sie seelig die Kleinen, wie diese fröhlich ihre neue 80 Euro Buddelhose im Sandkasten einsauen. Laut einem Artikel in DIE ZEIT (27. August 2009), könnte es jetzt juristische Problemen für Finkid geben: Das europäische Markengesetz sieht vor, dass Verbraucher nicht über die Herkunft eines Produktes getäuscht werden dürfen, jetzt soll die Marke diesbezüglich überprüft werden. Aus markensoziologischer Sicht können und sollen alle zur Verfügung stehenden Markenkraftquellen angezapft werden – es muss allerdings immer eine logische und nachvollziehbare Begründung für diese Verbindung(en) geben, ansonsten wird es unseriös. Dieses „urfinnische“ Produkt gibt es noch nicht einmal in Finnland zu kaufen! Die aus Albany/Ohio stammende kalifornische Surfmarke Hollister (gehört zu Abercrombie&Fitch), besitzt daher zumindest ein offizielles Büro in Santa Monica und verkauft zudem in „CAL“ sehr erfolgreich.

Eine Marke kann sich viele kreative Dinge ausdenken (z.B. Herleitungen!), aber Ihr Tun und Handeln sollte keine bewusste Täuschung der Kundschaft einschließen, dies ist exakt der Unterschied zwischen einem Image und einer Marke: Ein Image kann kurzfristig schöne Bilder(!) vorgaukeln, Marke muss langfristig und damit glaubwürdig agieren. Sonst gibt es irgendwann Probleme – Immer und überall. Das beschriebene Beispiel zeigt, wie attraktivitätssteigernd eine klar definierte und offensiv eingesetzte Herkunft wirken kann – langfristig funktioniert dies nur wenn die „Geschichte“ einer Überprüfung standhält.

Nachtrag:
Die Realität holt die Marke und diesen Beitrag ein: Exakt am Tag der Veröffentlichung im Markenradar, wurde verkündet, dass die Marke Finkid insolvent sei und bereits im August die Insolvenz beantragt habe. Bei der Recherche mutete es äußerst seltsam an, dass der Online-Shop hauptsächlich aus dem Verweis auf die kommende Kollektion und Bildern ohne Kaufmöglichkeit bestand, eine dunkle Vorahnung, jetzt die offizielle Bestätigung. Und – nach allem was bisher bekannt ist – auch eine Bestätigung dafür, dass Marken immer von innen zerstört werden. Wenn der Artikel auf die unglaubwürdige und damit gefährliche Spreizung zwischen der zentralen Markenaussage von Finkid und der unternehmerischen Realität hinweisen wollte, so scheint sich dieses Auseinanderklaffen von Schein und Sein in alle Bereiche hineingezogen zu haben. Ein äußerst typischer Vorgang, an dem viele Marken gescheitert sind: Marke ist immer ein Gesamtkonzept, bei dem alle Abteilungen involviert sind – im Guten wie im Schlechten.

Nachtrag II: Inzwischen existiert finkid erneut (www.finkid.de), der offizielle Hauptsitz der finkid GmbH ist jetzt in Hamburg/Stand: 28.01.2016. Es bleibt abzuwarten, was sich aus der Markengenetik entwickelt, da das Konzept an sich erfolgversprechend ist.

7 Antworten auf „Die Marke finkid“

  1. Schlecht recherchiert, verzerrt.
    1.
    Annika Rendel ist Finnin, hat in Finnland gelebt und studiert und entwirft finkid Mode inspiriert von Ihrer Heimat, nicht selten im Haus am See der Eltern.
    Wer kann finnische Kindermode entwerfen, wenn nicht eine finnische Modedesignerin die selbst Mutter zweier Kinder ist?
    2.
    Es gibt keine 80 Euro Buddelhose von finkid. Die Buddelhosen von finkid kosten 35 Euro.

  2. An den Schreiberling:

    Wahrscheinlich gehören Sie zu der Sorte, die über etwas berichten, ohne das Produkt selbst je getestet zu haben. Fragen Sie Ihre Kinder.

    Finkid Kleidung ist praktisch, allround einsetztbar, wasserdicht, winddicht und zudem – im Vergleich zu anderen Marken – super bequem. Zudem trendy und witzig.

    Ein genialer Skianzug – wo Schlüpfer und Hemdchen unten drunter reicht – kostet 79€! Und hält was er verspricht.

    Meine Tochter bestätigt immer wieder, wie gern sie die Sachen trägt.

    Ich finde das ist alles was zählt.

    Ansonsten: Schlecht recherchiert, verzerrt.
    1.
    Annika Rendel ist Finnin, hat in Finnland gelebt und studiert und entwirft finkid Mode inspiriert durch ihre Heimat.
    2.
    Buddelhosen von finkid kosten 35 Euro.

    LG

  3. Ich weiß nicht, wer die Sachen entworfen hat oder wo sie hergestellt werden. In Wirklichkeit ist es mir auch ziemlich egal. Ich sehe nur das Produkt – sprich die Qualität und ob meine Kinder die Sachen gerne tragen. Ich kann sagen, daß sind Kleidungsstücke, die nicht nur ein Kind tragen kann. Folgendes möchte ich noch sagen:

    Wir sind mit den Fausthandschuhen aufmerksam geworden auf die Firma Finkid. Uns wurde vor 2 Jahren versichert, daß diese Kinderfausthandschuhe ( Pakkanen )nicht durchnässen – sie hielten auch stand. Daraufhin kauften wir Fleecepullover ( Jumppa ), wind- und wasserdichte Hosen ( Sami & Tobi), eine Regenjacke ( Timi Pakk ), Ringelshirt´s mit kurzen und langen Armen ….. usw. usw. usw. und ich kann nur sagen:
    – unsere Kinder ziehen gerne die Sachen an
    – wenn sie ihre Kleidung aussuchen, weiß ich schon was sie aus dem Schrank nehmen
    – die Sachen halten einfach Ihr versprechen z.B. Wind- und Wasserdichtigkeit

    Wir sind der Meinung, wir können besser eine gute Buddelhose für 35,00 € kaufen wo die Kinder trocken und sauber drin bleiben bzw. nicht drin schwitzen und leicht zu reinigen sind, anstatt wie andere Mütter vielleicht 2 oder 3 Buddelhosen zu kaufen, die dann auch das gleiche kosten und wo die Kinder drin schwitzen, doch nass geworden sind weil die Nähte nicht das halten was sie versprechen und die andauernd waschen muß.

    Wie gesagt, für eine gute Qualität sind wir auch bereit, etwas mehr Geld auszugeben. Was nützt mit eine Regenhose, wenn mein Kind trotzdem nass wird??????????

  4. Kann mich meinen Vorschreibern nur anschließen. Ein Gespräch mit dem Betreiber einer Fachgeschäfts für Kinderklamotten hätte für die Recherche bereits sinnvolle Informationen hervorgebracht. Stattdessen ergeht sich der Autor in theoretischem Markengeschwafel und bewertet „fachmännisch“ von seinem Markenlabor aus. Ob eine Marke überhaupt eine solche ist und ob sie erfolgreich wird, entscheidet letztendlich der KUNDE. Leider stören manchmal ein schlechter Finanzierungsplan oder die Geldgeber eine gesunde Entwicklung. Im Falle von finkid glaube ich ganz sicher an die Auferstehung.

  5. Tja, in Zeiten des Internets und Web 2.0 ist Markenführung ohne Internet wohl nicht mehr möglich. Wenn der Markeninhaber es nicht selber tut, übernimmt die Community es für ihn

  6. Die Klamotten sind Hingucker, ohne Zweifel, ob sie immer das halten, was sie versprechen, ist eine andere Frage, die (auch wieder mit Hilfe des Internets) leicht durch Kundenberichte beantwortet werden kann. Was ich kritisiere ist, dass schon die Allerkleinsten „aufgewertet“ werden über ihre Kleidung. „Meine Jacke“ ist nicht mehr einfach meine Jacke, sondern „Meine Finkid-Jacke“, die schöner, wärmer und toller ist als alle anderen. Und letztendlich kommt die finnische Jacke eben doch wieder aus China und lastet damit ebenso schwer auf unseren Schultern (und denen der kleinen Träger)wie eine Billig-Jacke von kik.

  7. Hahaha, sehr schön geschrieben. Auch die Reaktionen sind klasse. Klar, wer für „trendy“ Design und „absolut wasserdichte“ Klamotten viel Geld ausgeben möchte, nur weil dort ein nordischer Name eine bestimmte Qualität sugeriert – dem kann nicht geholfen werden. Es ist „Made in China, Thailand, Tunesien.“ Die Herstellung kostet ein Bruchteil des Verkaufspreises – siehe entsprechende B2B-Websites aus China – und sind qualitätiv nicht hochwertiger als andere Produkte. Die atmungsaktive Kinder-Regenjacke einer bekannten Kaffeerösterei stammt aus der gleichen Fabrik wie die „Berliner Skandinavienjacke“. Als „echter“ Textilingenieur weiß ich ausnahmsweise mal wirklich wo von ich spreche 🙂

    Na ja – und wie bei allen Kinderklamotten: Ich spare doch nicht bei meinem Kindern an Qualität. So wird schelchtes Gewissen gemacht.

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